Faetzig Camp 2009

Konzept

1. Idee und Philosophie des Faetzig-Camp

Das sogenannte "Faetzig-Camp" soll eine Mischform aus Sommercamps mit bekanntem Festivalcharakter sowie einem Camp mit einer inhaltlichen und politischen Ausrichtung bzw. Zielsetzung darstellen. Mit dieser Ausrichtung soll versucht werden, in die Lücke zwischen den (oftmals rein kommerziellen) Festivals und diversen Camps mit rein politischer Zielsetzung zu stoßen und somit Überschneidungspunkte zu schaffen. Dabei steht im besonderen Blickpunkt die Freiwilligkeit der Teilnahme und die Schaffung von Räumen, in denen sowohl eine aktive Mitarbeit / Mitgestaltung als auch eine passive Teilnahme am Campgeschehen ermöglicht wird. Mit diesem Gedanken soll versucht werden, die individuellen Grenzen zwischen Aktiv sein und Konsumieren aufzuweichen und verschwimmen zu lassen.

Darüber hinaus soll ein Rahmen geschaffen werden, in dem sich jugendliche Subkulturen in vielen Facetten begegnen können, Kontakte knüpfen und Erfahrungen austauschen können. Junge Menschen aus mehrheitlich rechts dominierten ländlichen Regionen in Ostsachsen sollen die Möglichkeit erhalten, Andere aus der Region an einem Rückzugsort zu begegnen. Der zentrale Grundgedanke lautet daher: Alternative, selbstbestimmte Jugendkulturen sollen gefördert werden und sollen einen Gegenpol zu einer zunehmend sinnentleerten Spaßkultur darstellen. Des weiteren soll damit einer uniformierten rechten und rassistischen Subkultur der Nährboden entzogen werden.

2. Die Regiovernetzung als Camp-Initiatoren

Im Sommer 1999 gründete sich die Regiovernetzung Ostsachsen als ein Zusammenschluss linker und alternativer Vereine und Initiativen aus dem ostsächsischen Raum. Ziel der Regiovernetzung war und ist es, eine Gegenkultur zur oftmals vorherrschenden rechten Jugendkultur zu etablieren. Themen wie Antifaschismus, Rassismus, Umweltschutz, Internationale Solidarität und Völkerverständigung, Globalisierung und Sozialabbau werden aufgegriffen und in Form von diversen Veranstaltungen in der Region aufgearbeitet/ diskutiert. Der Fokus liegt dabei jedoch nicht nur ausschließlich auf der politischen Arbeit. Auch kulturelle Aspekte spielen immer eine Rolle in der Schwerpunktsetzung und spiegeln sich in der Vielzahl von Konzerten, Lesungen etc. wider, die in den entsprechenden Jugendzentren/-clubs regelmäßig stattfinden. Gemeinsames "Highlight" stellt das seit dem Jahr 2003 jährlich stattfindende Faetzig-Camp dar, welches in Kooperation der Vereine und Initiativen der Regiovernetzung organisiert und durchgeführt wird.

Dies sind im Einzelnen:

  • Kommärzbanck (Rietschen-Hammerstadt) >> http://www.kommaerzbanck.de
    Ein alternatives und selbstverwaltetes Jugendzentrum in Hammerstadt (Nähe Rietschen)

  • Hospi30 (Görlitz) >> http://www.hospi30.de
    Ein selbstverwaltetes Soziokulturelles Zentrum (im Aufbau) in Görlitz
  • HausundHof e.V. (Görlitz) >> http://www.hospi30.de
    Alternativer Jugendverein mit soziokultureller Ausrichtung
  • Emil (Zittau) >> http://www.emil-zittau.de
    Selbstverwaltetes Jugendhaus in Zittau
  • Käthe-Ring o.F. e.V (Ebersbach)
    Verein für alternative Jugendangebote in Ebersbach
  • AMAL Sachsen (Büro Görlitz) >> http://www.amal-sachsen.de
    Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt

3. Die Entwicklung der Camps

Das erste Camp fand im Jahr 2003 statt. Damals fanden sich über 200 junge Leute aus Ostsachsen und darüber hinaus auf dem Gelände am Quitzdorfer Stausee ein, um zum ersten Mal die Idee von einem gemeinsamen Camp in die Tat umzusetzen. Zu Beginn war es relativ schwer abzuschätzen, wie das Camp angenommen werden würde, da zum ersten Mal ein solches Angebot zur Verfügung stand und die uns zur Verfügung stehenden Mittel zur Werbung und Mobilisierung relativ bescheiden waren. Die umso positivere Resonanz war für die Organisatoren ein deutlicher Motivationsschub, auch im Folgejahr wieder ein Camp zu organisieren. Dass das Camp auch von örtlichen Neonazis deutlich wahrgenommen, wurde den InitiatorInnen klar, als Unbekannte in der Nacht von Samstag auf Sonntag in ummittelbarere Nähe des Camps ein mit heimfahrenden Konzertbesuchern vollbesetztes Auto mit Baseballschlägern angriffen und es erheblich beschädigten. In Niesky wurde in etwa zur gleichen Zeit ein weiteres Auto von Rechtsradikalen attackiert und beschädigt. Somit musste klar sein, dass mit der Idee von einem alternativen Jugendcamp in einer sonst rechtsdominierten Region der "wunde Punkt" der Neonaziszene getroffen wurde.

Auch 2004 wurde das Faetzig-Camp gut angenommen. Die TeilnehmerInnenzahlen sprachen mit leicht steigender Tendenz eine deutliche Sprache. Neben dem Spaß am campen, Baden gehen, Volleyball spielen und in der Sonne dösen, gab es auch die Möglichkeit die grauen Zellen und den eigenen Körper zu fordern. Zu aktuellen Themen wie Globalisierung und soziale Bewegungen, Flucht und Migration, rechter Subkultur sowie Selbstverteidigung für Frauen gab es Vorträge/ Workshops, an denen jede(r) teilnehmen konnte. Für alle, die in einer immer größer und komplexer werdenden Welt agieren und nicht nur reagieren wollen, sollte dies ein breiter und impulsreicher Informationspool sein. Das ganze wurde von einem kulturellen Programm aus Filmen, Live-Musik und Disco eingerahmt.

4. Regionaler Kontext

Die Region Ostsachsen bildet eingerahmt von der Landesgrenze zu Polen im Osten, zu Tschechien im Süden, der Grenze zu Brandenburg im Norden und einer vertikalen Linie bei Bischofswerda im Westen eine flächenmäßig große Region in Sachsen. Das Gebiet ist, von einigen Städten wie Görlitz, Bautzen oder Zittau abgesehen, im Wesentlichen sehr ländlich geprägt. Die wirtschaftliche Situation ist von einer hohen Arbeitslosigkeit und Fortzug vor allem junger Leute in die größeren Städte gekennzeichnet. Einzelne Hochschulstandorte in Görlitz und Zittau können diese Tendenz nicht ausgleichen. Dementsprechend hoch ist der Altersdurchschnitt der Einwohner in Ostsachsen. Alternative oder linke Jugendliche bilden hier eine Minderheit, die sich in einige "Nischen" - sprich Projekte zurückgezogen haben. Die politische Landschaft in Ostsachsen ist hier von einem beträchtlichen rechten Wählerpotential mitbestimmt. Ein oftmals unreflektierter und einseitiger Umgang mit Begriffen wie "Schlesien" und "Heimat" bilden ein Klima, in dem sich antipolnische Ressentiments und Besitzstandswahrung in Teilen der Bevölkerung verfestigt haben.

Linke und alternative Jugendvereine versuchen dem etwas entgegen zu setzten. Ein geschlossenes Auftreten nach Außen sowie eine deutlich wahrnehmbare politische Positionierung sind jedoch nicht immer Realität. Größere gemeinsame Aktivitäten wie bspw. das Faetzig-Camp, bilden in der Arbeit der Vereine der Regiovernetzung mittlerweile eine feste Größe. Das Camp kann mittlerweile als ein Höhepunkt im jährlichen lokalen Veranstaltungskalender betrachtete werden. Aus Sicht der Initiatoren stellt das Camp eine absolute Nische im kulturellen und (basis-)politischen Leben in der Region Ostsachsen dar und kann hier als Treffpunkt für Jugendliche wirken.

5. Zielgruppe

Mit dem Camp sollen vor allem junge Leute zwischen 16 und 30 angesprochen werden, die sich von ihrem Grundverständnis her in Opposition zu rechten und reaktionären Jugendkulturen verstehen. Nicht-rechte Jugendliche, diverse alternative Jugendsubkulturen, politisch Erfahrene und Unerfahrene sowie Menschen, die aus dem gesellschaftlichen Mainstream herausfallen und Marginalisierungen unterliegen (z. B. Nicht-Deutsche) sind angesprochen, um hier aufeinander zu treffen und in Dialog miteinander zu treten. Darüber hinaus wird mit gezielten Angeboten von Workshops und anderen Veranstaltungen versucht, Schülerinnen und Schüler aus der näheren Umgebung mit einzubeziehen und einen kontinuierlichen Kontakt mit den örtlichen Schulen aufrecht zu erhalten. In Zukunft soll auch noch stärker als bisher der direkte Austausch und die Zusammenarbeit mit polnischen und tschechischen Jugendlichen / Initiativen gesucht werden, um den internationalen / grenzüberschreitenden Charakter des Camps deutlicher werden zu lassen.

6. Camp-Ziele

Die Ziele, die nach den Vorstellungen der Initiatoren mit dem Faetzig-Camp realisiert werden sollen, sind zum einen die Förderung einer selbstbestimmten, alternativen (sprich unabhängig vom Mainstream) Jugendkultur sowie die Schaffung eines Gegenpols zu sinnentleerter Spaßkultur und rechter Jugendsubkultur in Ostsachsen.

7. Inhalte und Umsetzung

Für die Umsetzung der oben genannten Zielstellung soll in dem Zeitraum während des Camps ein Raum für Begegnungen und Kontakte zwischen den verschiedenen Jugendkulturen und Altersstufen geöffnet werden. Der Platz am Stausee Quitzdorf soll für drei Tage ein Ort für den Erfahrungsaustausch, für Diskussionen und auch für Entspannung sein.

Für den inhaltlichen Rahmen sorgen diverse Workshops, Vorträge und Diskussionen, welche durch kompetente Referentinnen und Referenten entsprechend aufbereitet und vermittelt werden. Mit einem breiten Spektrum an Angeboten sollen den jungen Menschen Erfahrungen in Selbstorganisierung und Basisdemokratie näher gebracht werden. Dazu wird ein Raum geschaffen, in dem spontane Angebote und Initiativen durch die Leute selbst möglich werden können. Mit der Schaffung einer Camp-Atmosphäre, die einen offenen Austausch und gemeinsame Begegnung ermöglichen kann, soll auch die Option geboten werden, sich selbst in die Organisation und Struktur des Camps einzubringen und zu partizipieren.